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Fesselnd, einzigartig und todtraurig - "A little Life" von Hanya Yanagihara

Buchcover "A little Life" von Hanya Yanagihara

Wow. Schon während des Lesens weiß ich: Diese Geschichte ist anders. Diese Geschichte wird in meinem Kopf bleiben. Ihre Menschen, deren Schicksal, ihre Freundschaft. Malcom, J.B., Willem und Jude - vor allem Jude - sind jetzt auch meine Freunde. Welche, deren Abwesenheit man wirklich betrauert. Aber der Reihe nach.

 

Irgendwo habe ich vor einem Jahr über "A Little Life" gelesen, in der New York Times, glaube ich. Darüber, dass es der Roman auf die Shortlist für den Man Booker Prize 2015 geschafft hat, immerhin der wichtigste britische Literaturpreis. Hanya Yanagihara, selbst Journalistin der NY Times, erzählt die Geschichte von vier Freunde in New York, begleitet sie mehrere Jahrzehnte. Cool, denke ich, klingt wie "Die Interessanten" von Meg Wolitzer, ein Buch, das ich sehr geliebt habe. Also lade ich mir die Leseprobe auf meinen Kindl. Normalerweise hätte ich es natürlich sofort in meinem Lieblingsbuchladen bestellt, aber es war erstmal nur auf englisch zu bekommen. Da wollte ich vorher sehen, wie es geschrieben ist, wieviel ich verstehe, ob ich doch auf die Übersetzung warte. Mein englisches Lesetempo ist nämlich nicht das schnellste. Doch ich brauche nur zwei Seiten und weiß: ich kann nicht warten, "A little Life" muss jetzt sein!

 
Sie kennen sich aus dem College. Malcom, J.B., Willem und Jude haben ein Zimmer geteilt und sind dabei dicke Freunde geworden. Alle vier landen nach ihrem Studium in New York und versuchen, ihren Weg zu machen. Malcom, mit reichen, anspruchsvollen Upper Eastside-Eltern als Architekt in einem namenhaften, aber unpersönlichen Büro. Der selbstbewusste, laute JB aus Brooklyn versucht sich als Künstler. Täglich fährt er nach seinem Job am Empfang eines Kunstmagazins in sein Atelier und malt. Er weiß, dass er jemand ganz besonderes ist, daran haben die vielen Frauen seiner Familie nie einen Zweifel gelassen. Willem hingegen ist weniger entschlossen, weniger ambitioniert. Zwar sieht er kopfverdrehend gut aus, doch bisher hat ihn sein Ziel, Schauspieler zu werden, vor allem auf die Bretter teurer Restaurants geführt, in denen er Abend für Abend kellnert. Auch sein Freund Jude verdient als angehender Jurist bei der Staatsanwaltschaft nur wenig. Und da beide keine Eltern haben, die sie unterstützen, ziehen sie gemeinsam in eine winzige, ziemlich abstoßende Wohnung in Chinatown. So weit, so normal. Vier junge Männer auf dem Weg ins Leben.

Doch während aus wechselnden Perspektiven erzählt wird, mal aus J.B.s, mal aus Malcoms, Willems oder Judes Sicht, wird immer klarer: irgendetwas ist doch nicht ganz normal, irgendwas ist so gar nicht, wie es sein sollte. Und das betrifft Jude. Den klugen, stillen Freund. Den guten Zuhörer, der selbst so wenig von sich Preis gibt. Nur, dass er ohne Eltern aufgewachsen ist und mit 16 einen schlimmen Unfall hatte. An den Folge leidet er bis heute, er zieht ein Bein nach und wird regelmäßig von heftigen Schmerzattacken heimgesucht.

 

Je mehr Monaten, Jahre ins Land gehen, desto entschiedener ist das Buch: Die Hauptperson ist Jude, für uns, für seine Freunde und vor allem für Willem. Willem ist derjenige, der ihm von Anfang an am nächsten ist. Der mehrmals täglich mit Jude spricht, selbst wenn er nicht in der Stadt ist. Der seine Gedanken und Gefühle mit ihm teilt. Und der akzeptiert, das Jude das nicht tut, das er selbst nach Jahrzehnten noch verschlossen und verstockt bleibt, wenn es um ihn und seine Vergangenheit geht.

 

Ich als Leser lerne Jude hingegen besser kennen, Yanagihara trägt seinen Schutzpanzer Schicht für Schicht ab. Warum die Sache mit dem Vertrauen für Jude so schwierig ist, wovor er Angst hat, was ihn Nacht für Nacht verfolg und zuverlässig aus dem Schlaf reißt. Und je mehr ich darüber lerne, über Judes unvorstellbare, unmenschliche Kindheit, desto mehr krampft sich mein Magen zusammen. Manchmal muss ich innehalten, tief durchatmen, bevor ich weiter lesen kann. Weil ich irgendwann weiß: Der Abgrund, dem ich mich da nähere, wird erschütternder sein als alles, was man sich je für einen kleinen Jungen ausmalen würde.

 

Das ist die eine, die dunkle Seite der Geschichte. Doch es gibt auch einen hellen, manchmal strahlenden Teil. Und der besteht - wie immer und überall im Leben - aus Anerkennung, Freundschaft und Liebe. So schön, so leicht und gleichzeitig so anrührend erzählt. Lange Märsche durch Manhattan am Sonntag Vormittag. Sommer-Nachmittage mit Harold und Willem am Strand. Die Jungs zusammen auf einer Party in Williamsburg. Nächte im Büroturm in Midtown. Zufluchtsorte und -momente, an denen man fast an ein ganz normales Leben glauben kann. Aber eben nur fast.

 

"A little Life", oder, ab Montag, den 30. Januar 2017 auch auf deutsch "Ein wenig Leben", ist ein Buch, wie ich es noch nicht gelesen habe. Yanagihara geht da hin, wo die meisten von uns noch nicht waren: An die Schmerzgrenze und darüber hinaus, in die Tiefe einer verletzten Seele. Sie beantwortet die Frage, was Liebe schaffen kann. Und was nicht. Dieses Buch ist erschütternd, es ist todtraurig. Aber ich habe es uneingeschränkt geliebt. 


"A little Life" von Hanya Yanagihara - XXXXX (fünf von fünf Sternen)

 

"Ein wenig Leben" erscheint am 30.01.2017 im Hansa Verlag, übersetzt von Stephan Kleiner, 960 Seiten, 28€ 

Mehr zu Hanya Yanagihara hier: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/hanya-yanagihara/

 

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Er kam, sah und staunte - Michael Moore in "Where to invade next"

Oder: wie man einen Film über Amerika macht, ohne eine einzige Szene IN Amerika zu drehen. Solche Aufgaben passen zu ihm, dem freundlichen, massigen Mann mit den zwei großen Gaben: Humor und die Fähigkeit, zuzuhören. Gleichzeitig ist Michael Moore der wohl kritischste Dokumentarfilmer der USA. Einer, der den Finger in die Wunde legt. Einer mit Mission. Und jemand, der schwarz-weiß deutlich lieber mag als Grautöne.

Kriege haben die USA genug geführt, befindet Michael Moore zu Beginn seines Films. Und hat damit schon mal den gesamten Berlinale-Kinosaal hinter sich. Dennoch ist er überzeugt, dass es in anderen Ländern noch viel zu holen gibt für sein Land. Also geht er es holen. Diesmal allerdings ohne Waffengewalt, die nächste Invasion soll friedlich sein. Und sie startet in Europa. Im schönen Italien beginnt Moore seine Suche nach dem besseren Leben, nach den Ideen und Errungenschaften, die die Gesellschaft besser machen. Dabei bleibt ihm schnell der Mund offen stehen: Sechs bis acht Wochen bezahlter Urlaub im Jahr? Das muss das italienische Paar mehrfach wiederholen, bis Moore es glauben kann. Als dann noch eine Unternehmerfamilie fröhlich verkündet: was solle sie mit noch mehr Geld, motivierte Mitarbeiter seien ihr viel wichtiger, ist Moor vollends sprachlos.

 

Und das Staunen geht weiter, wird zum Leitmotiv dieser 119 Minuten. In Frankreich probiert Moore das schmackhafte und gleichzeitig gesund Schulessen. In Norwegen bewundert er den humanen Strafvollzug - selbst die Gefangenen im Hochsicherheitstrakt haben dort einen eigenen Schlüssel für ihre Zellentür. Und in Finnland schüttelt er den Kopf über die einhellige Beteuerung der Lehrer, in erster Linie das Glück ihrer Schüler fördern zu wollen. Keine Hausaufgaben? Keine Studiengebühren in Slowenien? Intensive Vergangenheitsbewältigung in Deutschland? Schnell erscheint Europa durch Moores Brille als das gelobte Land. Probleme werden höchstens gestreift, aber darum geht es ihm auch nicht. Er will lernen und verstehen. Und er will, dass sein Publikum ebenfalls lernt und versteht. Zu viel Differenzierung würde da wohl nur ablenken.

 

Schließlich geht es darum, die großen Ideen mitzunehmen in die USA, in ein Land, das bei den immer wieder eingeblendeten Statistiken und Vergleichszahlen ziemlich schlecht abschneidet. Denn Moore ist trotz seiner Begeisterung für Europa nie gefährdet, zum Überläufer zu werden. Im Gegenteil: Er liebt sein Land. Genau deshalb hat er diesen Film gemacht. Einen unterhaltsamen, lehrreichen und aufrüttelnden Film. Witzig, und gleichzeitig bitter ernst. Ab heute im Kino.


"Where to invade next" von Michael Moore - XXXXx (viereinhalb von fünf Sternen)

 

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Der Schriftsteller, das unangenehme Wesen

Oh, wie ich mit ihm mitfühle! New York in den 20er Jahren: Da steht er mitten im strömenden Regen, stampft immer wieder mit dem Fuß auf und starrt wie gebannt auf ein Bürogebäude: Thomas Wolfe, ein angehender Schriftsteller. Ob er tatsächlich einer wird, das liegt in der Hand eines Mannes im fünften Stock dieses Hauses. Es ist der Verleger Max Perkins vom Verlag Scribner’s Sons. Jemand, der schon Größen wie Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald unter Vertrag hat. Und der nun Wolfes 1000 Seiten Manuskript liest. Ein Moment voller Anspannung, voller Hoffnung und Angst. Und ein Moment, der einen großen Film verspricht.

 

Und dann lernen wir sie kennen, diese beiden Männer in "Genius". Max Perkins, gespielt von Oskar-Preisträger Colin Firth, ist ein Familienvater. Jeden Abend nimmt er den Zug zu seiner Frau und seinen fünf Töchtern in ein stattliches Haus vor der Stadtgrenze New Yorks. Ein Mann mit Hut, still, vernünftig, aber durchaus entflammbar. Und das ist es, was Wolfes Manuskript mit ihm macht: Es packt ihn, ja, begeistert ihn regelrecht und so bekommt der Autor seinen Vertrag. Die Zusammenarbeit zwischen diesen ungleichen Männern beginnt. Schließlich muss das Manuskript in eine geordnete, kürzere Form gebracht werden.

 

Schon beim ersten Treffen der beiden wird klar: Thomas Wolfe, dargestellt von Jude Law, ist nicht wie alle anderen. Ein lauter, manchmal äußerst unangenehmer, aber immer leidenschaftlicher Mann. Ein Genie, finden Perkins und bald auch die Leser des ersten Wolfe-Romans "Look Homeward, Angel!". Doch dieser Erfolg macht den Autor nur noch ein bißchen unausstehlicher. Perkins selbst scheint das egal zu sein, die beiden freunden sich immer enger an. Wolfe wird ein regelmäßiger Gast in Perkins Haus. Wie besessen stürzen sich die beiden Männer in die Arbeit an Wolfes zweitem Manuskript. Ein Unterfangen, das kaum noch Zeit für anderes läßt. Schließlich hat Wolfe diesmal 6.000 Seiten abgeliefert. Wolfes Freundin (Nicole Kidman) versucht immer verzweifelter, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und kämpft dabei auf immer verlorenerem Posten. Ein Schicksal, das sie auch dem sanften Perkins prophezeit...

 

"Große Erwartungen" heißt ein Jahrhundertwerk der US-Literatur von Charles Dickens. Ob Wolfes Romane da mithalten können, kann ich nicht beurteilen, da ich sie noch nicht gelesen habe. Die großen Erwartungen, die dieser Film bei mir geweckt hat, werden aber ganz ohne Frage leider nicht erfüllt. Denn trotz aller Beteuerungen der Figuren bleibt mir schleierhaft, worin die Faszination dieses eigenwilligen Schriftstellers besteht. Warum ihm seine Freundin und Perkins so verfallen. Ja, er ist ziemlich verrückt und wild aufs Leben. Aber fühlen, wirklich erleben, warum ich verrückt nach ihm sein sollte, das kann ich nicht. Für mich bleibt er ziemlich unsymphatisch, undankbar und egoistisch. Und so bleibt auch dieser hochkarätig besetzte Hollywoodstreifen, der auf einer wahren Geschichte beruht, unter seinen Möglichkeiten. Schade.  


"Genius" von Michael Grandage - XXX

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Tristess auf polnisch

Manchmal passt alles gut zusammen. Es ist Samstag Morgen, neun Uhr, der Himmel bedrückend grau, wir nach einer Woche Berlinale schon ziemlich müde. Als der Vorhang dann aufgeht, sieht es auf der Leinwand kaum anders aus: Eine Kleinstadt irgendwo in Polen kurz nach der Wende. Jeans sind nach wie vor eine Sensation, dafür tanzt eine Gruppe Frauen in der Turnhalle zu US-Pop Aerobic-Schritte nach. Dass das alles wenig freudvoll wirkt, liegt auch an den Farben. Die Bilder sind entsättigt und wirken dadurch eigentümlich kühl. Das ist die Kulisse für die vier Frauen, um die es geht in "United States of Love".

 

Da ist Agata, verheiratet, eine Tochter, deren Herz aber ganz offensichtlich für einen Priester schlägt. Sie beobachtet ihn heimlich, begehrt verzweifelt und betet mit Inbrunst. Und dann Iza, die Schuldirektorin. Immer tadellos gekleidet, durchaus mit einer gewissen Strenge. Die verliert sie allerdings, sobald sie mit ihrem Geliebten zusammen ist, einem frisch verwitweten Arzt. An derselben Schule unterrichtet Renata, die etwas in die Jahre gekommene Russischlehrerin, die sich nach der Nähe ihrer jungen Nachbarin sehnt. So sehr, dass sie sogar einen Sturz auf der Treppe initiiert. Die begehrte Nachbarin wiederum ist Marzena. Sie ist die Tanzlehrerin und außerdem die Schwester von Iza und sie träumt von einer internationalen Modellkarriere. Dieser Episodenfilm von Tomasz Wasilewski zeigt starke Frauen, die mit ihren Sehnsüchten, ihren Hoffnungen aber auch mit der Leere leben müssen. Innere Umbrüche in einer bewegten Zeit. Schließlich beginnt auch das Land Anfang der 90er gerade erst, nach seiner neuen Identität zu suchen. 

 

"Das wichtigste in Eurem Leben wird die Liebe sein". So bringt es der Priester schon den Kleinen im Religionsunterricht bei. Was aber passiert, wenn die Liebe enttäuscht wird oder gleich ganz unerfüllt bleibt, das zeigt "United States of Love". Verreint sind die Frauen nicht in der Liebe, aber in ihrer Sehnsucht danach. Und in ihrem Spiel. Alle vier leisten Großartiges, wenn sie vor der Welt zu verbergen suchen, was sie innerlich fast zerreißt. Das mit anzusehen ist trist, traurig und doch unheimlich gut.


"United States of Love" von Tomasz Wasilewski - XXXX

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Eine neue Art von Krieg

Hab ich gerade noch gesagt, ich hab's nicht so mit Dokumentationen? Ok, das nehme ich zurück. Denn heute habe ich gleich zwei davon gesehen, die mich umgehauen haben. Aber der Reihe nach: In diesem Artikel geht es erstmal um "Zero Days" von Alex Gibney. Ein Film, der mich - anders als "Fuocoammare" - keine Sekunde langweilt. Im Gegenteil. Alles was ich sehe und höre, möchte ich am liebsten mitschreiben, so neu, so aufrüttelnd, so schockierend ist diese Doku! Mein klarer Favorit für den Goldenen Bären.

 

Es geht um Stuxnet. Klar, schon mal gehört. Das war doch dieser böser Virus, der sich 2010 über Computer in der ganzen Welt ausgebreitet hatte. Aber was genau da hinter steckte, geschweige denn wer und warum - keine Ahnung. Und das hat seinen Grund. Stuxnet unterliegt nämlich höchster Geheimhaltung, vor allem unter Verantwortlichen von US-Behörden. NSA, CIA, Cyber Command - niemand will, niemand darf ganz offensichtlich über Stuxnet reden. Und so beginnt "Zero Days" mit der Frustration des Regisseurs über diese Schweigemauer. Alex Gibney sucht anderswo nach Antworten. Zum Beispiel bei den Virenexperten von Kaspersky in Moskau. Und wir lernen: Sowas hat bis dato noch keiner von ihnen gesehen. So komplex, so fehlerfrei, so böse. Stuxnet verbreitet sich selbst, die befallenen Systeme sind null Tage - Zero Days - vor dem Wurm geschützt. Aber wer steckt dahinter? Cyberkriminelle und Hacker können es nicht gewesen sein, erfahren wir - zu umfangreich und teuer ist diese Malware wie es im Fachjargon heißt. Kommt also also nur die dritte Angreifer-Gruppe in Frage: Ein oder mehrere Staaten. Wow. Ein hoch gefährlicher Virus, losgeschickt von einer Regierung?

 

Die Spurensuche geht weiter. Und wer mehr über den Täter erfahren will, muss sich das Opfer angucken. Und das ist bald ausgemacht: Das Angriffsziel liegt mitten im Iran, es ist die umstrittene Atomanlage Natans. Hier soll Stuxnet möglichst viele Zentrifugen zerstören, die zur Uran-Anreicherung genutzt werden. Wer könte also ein Interesse haben, dort Zugang zu haben? Was klingt wie eine Verschwörungstheorie ist leider keine Theorie, das wird im Laufe dieser Doku immer klarer. Das ist Kino at it's best! Ich bin dabei, wenn Alex Gibney erklärt, erforscht, nachbohrt. Das ist unglaublich spannend, macht mir aber auch Angst. Denn da draußen tobt ein Krieg, über den nicht mal gesprochen werden darf.

"Zero Days" von Alex Gibney - XXXXX

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Grenzen, überall nur Grenzen

 

Integration ist ja sowas wie das Thema der Stunde. Eine Riesenaufgabe, die allen Seiten einiges abverlangt. Vor allem aber den Migranten. Integrationswillen müssen sie beweisen, die Sprache lernen, die Kultur kennen, Werte verinnerlichen. Dann klappt's auch mit dem Ankommen in der neuen Heimat. Doch wieviel ist wirklich dran an diesem Heilsversprechen? Wird sich noch jemand an diesen Deal erinnern, wenn die Migranten ihren Teil geleistet haben? Die Frage darf man ruhig mal stellen.

 

Bevor es allerdings überhaupt um Integration gehen kann, sind da erst einmal die Landes-grenzen. Zum Beispiel die zwischen Mexiko und den USA. Gut 3000 Kilometer ist sie lang und spätestens seit 9/11 scharf bewacht. Das ist die erste Hürde, die Nero in der deutsch-französisch-mexikanischen Produktion "Soy Nero" überwinden muss. Nicht, um Neuland zu betreten, sondern um zurückzukehren. Er ist nämlich aufgewachsen in Los Angeles, bevor die USA ihn, seinen Bruder und seine Mutter ausgewiesen haben. Ebenfalls eine Folge der Terrorsnschläge am 11. September 2001. Nero ist Mexikaner, der nur einen Traum hat: Amerikaner zu werden. Nicht auf illegale Weise mit einem gefälschten Pass, wie es sein Bruder Jesus macht, sondern wirklich, wahrhaftig, annerkannt von allen Behörden. Und dafür zieht Nero sogar in den Krieg. Als Soldat der US-Armee, als sogenannter Green Card Soldier. Denn nur dieser freiwillige Einsatz könnte ihm den lang ersehnten Pass einbringen. Vorausgesetzt, er überlebt den Kugelhagel in Afgahnistan. Vorausgesetzt, die Behörden halten ihren Teil der Abmachung....

 

"Soy Nero" ist ein Film über Grenzen. Die echten, sichtbaren, und die in den Köpfen. Ein Mexikaner in Beverly Hills? Hände hoch und Beine auseinander, das muss überprüft werden! Ein Mexikaner an einer Straßensperre irgendwo in Afgahnistan? Armer Teufel! Nero zeigt ihn, den Integrationswillen. Denn was mehr könnte man dem ersehnten neuen Vaterland als Einsatz schenken als das eigene Leben? Trotzdem bleiben für Nero viele Grenzen unüberwindbar. Ein mitreißender Film über Vorurteile, vergebliche Mühen und bittere Erkenntnisse. Unbedingt anschauen.

 

"Soy Nero" von Rafi Pitts - XXXX

 

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Gemeinschaft, Baby!

 

Auf diesen Film habe ich mich besonders gefreut: In "Kollektivit" gründen Menschen in den 70ern eine Kommune im Haus am See. Außerdem noch in Dänemark. Das verspricht doch Flower Power-Nostalgie gemixt mit dänischer Dogma-Kunst! Schließlich gehört der Regisseur Thomas Vinterberg zu den Mitbegründern dieser (ehemaligen) Bewegung. Spannend!

 

Ein großes, altes Haus ist der Anfang für einen neuen Traum. Gemeinsam leben. Zu siebt, zu acht, zu neunt den Alltag teilen. Das ist Annas Idee. Und wohl auch ein Weg, ihre Beziehung zu Erik nach 15 Jahren etwas aufzupeppen. Erik ist zwar nicht sonderlich begeistert, lässt sich aber schließlich doch überreden. Und so veranstalten Anna, Erik und ihre gemeinsame Tochter Freja eine Art Casting. Schnell steht die Kommune, die geradezu besoffen vor Euphorie loslegt: Man isst zusammen, entscheidet gemeinsam, springt nackt in den nahen See. Alles ein großer Spaß, ein großes Gewusel, in dem sich Anna und Erik allerdings etwas aus den Augen verlieren. Doch während sie es rundherum genießt, findet er sein Glück anderswo. Der Architekturdozent verliebt sich in seine Studentin. Doch das Ganze muss kein Drama sein, wir schreiben schließlich die Siebziger und Anna, die bekannte TV-Moderatorin, hält sich für sehr offen und abgeklärt. Und so zieht die Geliebte zu Erik, Anna und den anderen ins Haus. Ob das gutgehen kann, bezweifeln nicht nur die Mitbewohner...

 

Ein Film, ganz im rebellischen Zeitgeist. Neue, alternative Lebensmodelle sollen eingefahrene, spießige Formen des Zusammenlebens ablösen. Eine Zeit, in der man Träume verwirklicht. Manchmal vielleicht auch nur, um ihr Scheitern zu erleben. Um zu begreifen, dass man einer Illusionen aufgesessen ist. Der Film erzählt leicht, freundlich, unaufgeregt vom Projekt Kommune, aber vor allem vom Projekt Beziehung. Das Drama ist ein kleines, ein persönliches. Was daher allerdings nicht leichter wiegt. Ein sehr guter Film, der mich anregt, meine eigenen Wünsche und Träume noch mal ganz genau unter die Lupe zu nehmen.

 

"Kollektivet" ("The Commune") von Thomas Vinterberg - XXXX

 

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Make love not war. Oder: No peace, no pussy!

 

Wisst Ihr eigentlich, wo die meisten US-Bürger sterben? Im Irak? In Afganistan? Nah dran, aber die richtige Antwort lautet: in Chicago. Oder "Chi-Raq", wie die drittgrößte Stadt des Landes in Hip-Hop-Kreisen genannt wird. 7.356 Menschen sind in der berüchtigten South Side, einem von drei Chicagoer Stadtteilen, zwischen 2001 und 2015 erschossen worden. Auch Jugendliche und Kinder. This is an emergency, stellt Regisseur Spike Lee in dicken roten Buchstaben gleich zu Beginn seines Films klar. Ohne Frage, dem stimme ich voll und ganz zu.

 

Worum es geht in diesem Wettbewerbsbeitrag, der übrigens außer Konkurrenz läuft, ist also von Anfang an klar. Die Gangs der Stadt liefern sich erbitterte Kämpfe, es wird gerappt, gevögelt, geschossen. Alles sieht genauso aus, wie man sich das als Mitteleuropäer vorstellt. Und wie man es schließlich in zahlreichen Musikvideos gelernt hat. Harte Jungs, very sexy Frauen, dirty talk. Als aber erneut ein kleines Mädchen Opfer der Fehde wird, wollen die Frauen nicht mehr länger mitmachen. Sie beschließen gemeinsam, sich ihren Männern von nun an zu verweigern. Schluss mit der Vidoclip-Erotik, und zwar so lange, bis die Waffen schweigen. Das ist zwar nun wirklich keine neue Idee. Auf die gleiche Weise haben sich schon 411 vor Christi die Frauen in der griechischen Komödie "Lysistrata" von Aristophanes zur Wehr gesetzt. Aber so hab ich das noch nie gesehen!

 

Da wird gerreimt was das Zeug hält, getanzt und natürlich gemahnt. Besonders eindringlich von einem der wenigen weißen Schauspieler im Film: John Cusack als engagierter, innbrünstiger Gemeindepfarrer, der sich in Extase predigt: Gegen US-Politiker am Tropf der Waffenlobby, gegen die zahlreichen Schüsse auf unbewaffnete Schwarze von Florida bis Ferguson, gegen die knauserige Bankenbranche, die Armen keinen Kredit geben will. Überhaupt sind alle mit viel Leidenschaft und Nachdruck bei der Sache: No peace, no pussy - immer und immer wieder schleudern die Frauen dieses Motto in Mikrophone und Männergesichter. Ich frage mich zwischendurch, wie das eigentlich auf deutsch funktionieren soll. Schließlich wird überwiegend im breiten Slang gereimt. Aber die Botschaft kommt an, so viel steht fest. Spike Lee sagt uns nicht nur in deutlichen Worten, was er meint. Er sagt es auch oft. Und um wirklich ganz sicher zu gehen, gibt es ja auch noch Samuel L. Jackson als Erzähler in der Geschichte. Das ist zwar alles andere als subtil, aber durchaus unterhaltsam. Yo man!

 

"Chi-Raq" von Spike Lee - XXXx

 

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Ein wenig Widerstand - farblos, lieblos, leblos

 

Europa 1940: an der Westfront wird geschossen und getötet, in Berlin gefeiert: Hitler-Deutschland hat gerade Frankreich besiegt, die Stimmung auf den Straßen ist beinahe ausgelassen. Was mich daran allerdings sofort irritiert: die Freude ist englisch! Eine Fleischerei, ein Bäcker, aber verkauft werden "milk, eggs and butter". Really? Diese fünfte Verfilmung von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" von 1946 ist zwar eine deutsch-französisch-britische Koproduktion. Gesprochen wird in "Alone in Berlin" allerdings ausschließlich englisch. Das mag man als Mitte-Bewohner ja durchaus gewöhnt sein. Im Berlin der 40er Jahre wirkt es allerdings extrem befremdlich. Zumal die Waffen, um die es hier geht, Worte sind. Worte auf Postkarten. Deutsche Worte, versteht sich.

 

Aber von vorne: Als Anna und Otto Quangel vom Tod ihres einzigen Sohnes an der Front erfahren, werden sie wütend. Wütend auf den Krieg und vor allem auf denjenigen, der ihn angezettelt hat. Und so wird aus dem Führer ein Lügner, und aus dem Mechaniker Otto Quangel ein Widerstandskämpfer. Er schreibt mit verstellter Schrift Postkarten: "Hitler hat meinen Sohn getötet und er wird auch Eure Söhne töten." Gemeinsam mit seiner Frau verteilt er diese Botschaften in Berliner Treppenhäusern. Eine Mini-Revolution, die bald auch die SS auf den Plan ruft. Denn Widerstand duldet dieses System nicht, mag er auch noch so winzig sein. Und er wird aufs Schärfste verfolgt, das wissen auch die Quangels. Daher fehlt diesem Film von Anfang an die Hoffnung. Sie streuen Sand ins Getriebe, so nennt es Otto. Obwohl es wohl eher nur einzelne Sandkörner sind. Aber was hat man noch zu verlieren, wenn das einzige Kind tot ist?  

 

Die Vorlage ist ohne Frage gut, ein Weltbestseller sogar seit der erstmaligen Übersetzung ins Englische vor sechs Jahren. Und auch die Schauspieler beherrschen ihr Metier: Emma Thompson als Anna, der stattliche Ire Brendan Gleeson als Otto und Gestapo-Kommissar Daniel Brühl. Sie sorgen zwar dafür, das mir nicht langweilig wird. Retten können sie den Film am Ende aber nicht. Es fehlt ihm schlicht an Spannung, an erzählerischen Kniffen, die mich mitfiebern lassen. Und der Versuch, dem Gestapo-Mann ein Gewissen zu verpassen, wirkt nur wie der hilflose Versuch des Drehbuchautoren, einen Schluss zustande zu bringen. Schade, ich hatte mir wirklich mehr versprochen.

 

"Alone in Berlin" von Vincent Perez - XXx

 

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Die schwerste Entscheidung der Welt

 

Manche Berlinale-Tage sind fordernder als andere. Und dieser Montag gehört eindeutig zu den anspruchsvolleren. Das habe ich allerdings schon vorher gewußt, geht es im ersten (und einzigen) deutschen Wettbewerbsfilm doch um eine unglaublich schwierige Entscheidung: Was tun, wenn das ungeborene Kind nicht gesund ist? Eine Frage, der sich, hat man die Wahl,  niemand stellen möchte, manch einer nicht mal als Kino-Zuschauer. Mein Freund zum Beispiel ist gar nicht erst mitgekommen. Überhaupt sitzen im rappelvollen Saal heute Vormittag mehr Frauen als Männer, meine Reihe ist eine reine Frauenriege. 

 

Dabei geht es lustig los bei "24 Wochen". Julia Jentsch spielt Astrid, eine Comedian, die ihren Babybauch ins Showprogramm eingebaut hat. Hinter der Bühne wartet ihr Manager und Freund, zuhause die neunjährige Tochter. Eine Szene in der heimischen Hängematte sieht aus, als wäre sie einem Werbespot entsprungen. Doch dann kommt der Frauenarztbesuch und die Diagnose: Down-Syndrom. Es gibt schwere und leichte Fälle, werden Astrid und Markus aufgeklärt, was es aber tatsächlich wird, kann keiner vorher sagen. Das Paar reagiert überraschend gelassen. Setzt sich auseinender, informiert sich, verbringt einen schönen Tag mit Menschen mit Down-Syndrom. Die Entscheidung der beiden scheint besiegelt, alles geht weiter wie geplant, auch auf der Showbühne. Der Humor ist ihnen nicht vergangen. Ja, es wird ein Junge, und er hat Down-Syndrom. Doch das scheint dem Schicksal nicht zu reichen. Bei der nächsten Ultraschalluntersuchung entdeckt der Arzt außerdem einen Herzfehler. Einen, der Operationen nötig macht, die erste bereits kurz nach der Geburt. Puh. Wie gut, dass das nur im Film passiert, denke ich. Wie gut, dass ich nicht in Astrids Haut stecke! Doch genau das ist es, was mich so berrührt an diesem Film: Er zwingt mir die Frage auf, wie ich mich verhalten würde. Wie würde ich entscheiden?  

 

Ein Röcheln wird lauter, Menschen rufen nach einem Arzt. Das Licht im Saal geht an, eine Frau, nur drei Reihen von mir entfernt, wird hinaus getragen. Mein Unbehagen wächst, um so mehr, je weiter der Film nach der Zwangspause voran schreitet. Denn jetzt ist Schluß mit lustig. Auf der Bühne bekommt Astrid kein Wort mehr heraus. Aber sie muss reden, sie muss sich entscheiden, und ist am Ende damit ganz allein. Dass wir alle dabei mitfühlen und mitleiden - und wahrlich, das tun wir in meiner Reihe -, liegt vor allem am Drehbuch und an Julia Jentsch. Was für eine Schauspielerin! Dieses Minenspiel: Zuversicht, Entschlossenheit, Zweifel, Angst. Am Ende verteile ich Taschentücher. Ergreifend, sagt die Frau neben mir. Da kann ich ihr nur voll und ganz zustimmen.

 

"24 Wochen" von Anne Zohra Berrached - XXXXx

 

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Adam Driver als Gesicht der NSA

 

Spätestens, wenn die vertraute Warner Brothers Melodie den Friedrichstadtpalast erfüllt, ist klar: Jetzt kommt Hollywood, nach dem Eröffnungsfilm "Hail, Caesar" schon der zweite US-amerikanische Wettbewerbsbeitrag. Allerdings der erste, der tatsächlich um die Bären konkurriert. Und das macht "Midnight Special" von Jeff Nichols wirklich nicht schlecht. Ein Road-Movie mit allem, was dazu beiträgt, mich in Atem zu halten: Ein Vater mit seinem nicht ganz gewöhnlichen Jungen - soviel ist von Anfang an klar - auf der Flucht vor religiösen Fanatikern, der Polizei und dem FBI. Und das alles unter Zeitdruck. Langweilig ist das keine Sekunde! Zumal die Liste an Fragen in meinem Kopf dabei nach und nach abgearbeitete wird: Warum fährt die kleine Gruppe eigentlich immer nur nachts? Warum wird es trotzdem plötzlich gleißend hell im Auto? Und wo wollen sie eigentlich so dringend hin? Vor allem letztere Frage treibt auch die US-Behörden um. Sie jagen den achtjährigen Alton Meyer wie einen Top-Terroristen, mit aller Härte und voller Paranoia. Doch selbst wenn sie ihn erwischen, ist die Frage nach Siegern und Besiegten noch längst nicht entschieden. Denn Alton hat etwas, was selbst den wenig emotionalen Chefermittler der NSA weich werden läßt...

 

Gespielt wird der übrigens von Adam Driver. Genau, das ist der Unnahbare aus Lena Dunhams Serie "Girls". Und mittlerweile durch seine Rolle im letzten Star Wars Film selbst ein Star. Wirklich sehenswert, wie sich Ungläubigkeit, Verwirrung und Neugier gleichzeitig in seinem Gesicht spiegeln. Überhaupt, die Schauspieler! Kirsten Dunst als Mutter, Alton selbst, verkörpert von Jaeden Lieberher, und vor allem Michael Shannon, der den wild entschlossenen, kämpferischen Vater gibt. Deren Leistung tröstet dann auch über die kleineren Schwächen von "Midnight Special" hinweg: Der Plot gerät dann doch recht konventionell, und einige Fragen sind auch beim Abspann noch ungeklärt. Aber Spaß hat es trotzdem gemacht. 

 

"Midnight Special" von Jeff Nichols - XXXx

 

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Alltag auf Lampedusa oder die gähnende Langeweile

 

Ok, gleich vorweg: Ich bin kein Freund von Dokus. Selten haut mich da mal eine so richtig um. Aber diese hier läuft schließlich im Berlinale-Wettbewerb. In "Fire at Sea" bzw. auf italienisch "Fuocoammare" geht es um Lampedusa, die Flüchtlings-Insel. Mehr als 400.000 Menschen aus Nigeria, Eritrea, dem Sudan oder Syrien sind dort mittlerweile angelandet, 15.000 haben die Überfahrt nicht überlebt, lerne ich gleich im Vorspann. Keine Frage also, diese Doku verdient eine Chance, zumal sie außerdem von Gianfranco Rosi ist, der als erster Dokumentarfimer 2013 mit "Das andere Rom" einen Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat.

 

Es ist kalt und nieselig, trotzdem drängen sich hunderte Menschen am Sonntag Morgen vor dem Friedrichstadtpalast. Die Kirchen Berlins wären neidisch. It's quite cosy, nölt ein älterer Herr zu meiner Rechten. Ich denke, diese Beschwerden werden sich gleich relativieren und bereite mich schon mal vor auf berrührende, wahrscheinlich schwer erträgliche Szenen. Doch dann passiert erst mal: nichts. Ein kleiner italienischer Junge tut, was Jungs auf italienischen Insel wohl so tun: Eine Steinschleuder basteln, zielen üben, mit dem Arm als Waffe in die Luft ballern. Manchmal noch mit dem Seemanns-Vater zum Fischen rausfahren, anschließend ungeniert Tintenfisch-Spaghetti schlürfen. So weit, so langweilig. Denn der Film läßt sich wahrlich Zeit, für lange Einstellungen und eine nur langsames Annähren an den anderen Alltag auf Lampedusa: Die Hilferufe der Schiffbrüchigen irgendwo vor der Küste. Immer wieder rückt die italienische Marine aus, sucht mit Hubschrauebrn und Scheinwerfern das schwarze Meer ab. Dabei findet sie oft, aber längst nicht immer, die völlig überladene Boote. Auf ihnen erschöpfte, dehydrierte Menschen, die sich den knappen Platz längst mit anderen teilen, die es nicht geschafft haben. Da bekommt er so eine Wut im Bauch, das ist das Schlimmste, sagt der Inselarzt, wenn er die Leichen untersuchen muss. Nein, daran kann er sich nie gewöhnen. Es ist einer der stärksten Momente im Film, einer, in der ich den Katastrophen, die sich dort beinah jede Woche ereignen, nah komme. Das gelingt allerdings nicht oft in diesen 108 Minuten. Vielleicht ist es auch gar nicht gewollt. Im Zentrum dieses Films stehen nämlich nicht die Flüchtlinge, sondern steht die Insel. Wie gehen ihre Bewohner um mit dieser neuen Realität, gehen sie überhaupt damit um? Fragen, die man durchaus stellen kann. Für mich aber nicht die interessantesten.         

 

"Fuocoammare" bzw. Fire at Sea von Gianfranco Rosi - XXx

 

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Die kleine und die große Welt

 

Es beginnt mit einem Krawattenknoten. Das erste Bild im ersten Film auf "meiner" Berlinale. Hedi, ein 25 jähriger Tunesier, zeigt uns seine Welt: Ein Peugeot-Autohaus, eine äußerst dominante Mutter, eine bevorstehende, arrangierte Hochzeit. Es ist eine Welt mit engen Grenzen: Urlaub mitten in der tunesischen Wirtschaftskrise? Unmöglich, selbst wenn es um die Flitterwochen geht. Treffen mit der baldigen Ehefrau? Nur heimlich und maximal für 10 Minuten. Und dass er gerne zeichnet, das behält Hedi lieber für sich. Der arabische Frühling scheint länger her als fünf Jahre, für Träume kein Platz mehr. Doch dann muss Hedi weg aus Tunis, die Arbeit treibt ihn in eine Touristenstadt mit Hotels für deutsche Urlauber. Und auf einmal ist da Platz, Weite, ein frischer Wind. Und natürlich - eine Frau. (Wie in jeder guten Geschichte;)) Das alles hat Folgen für Hedi, seine eigene, ganz private Revolution scheint plötzlich möglich... Mir hat das gut gefallen, dabei zu sein auf diesem Weg, der immer weniger mit dem Krawattenknoten zu tun hat. Und immer mehr von Hedi offenbart. Spannend und mitreißend. Meinem Freund, Christoph, war das allerdings nicht überraschend genug. Schon eine halbe Stunde vor Ende hat er prophezeit, wie die Geschichte ausgehen wird. Und was soll ich sagen: Er hatte recht! Trotzdem, "Hedi" von Mohamed Ben Attia war ein toller Auftakt, ein guter Wettbewerbsbeitrag, wenn auch, aus meiner Sicht, kein Kandidat für den Goldenen Bären. Von mir bekommt er dreieinhalb Sterne von fünf möglichen, von Christoph drei.

 

"Hedi" von Mohamed Ben Attia - XXXx

 

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Ich bin im Fieber. Im Berlinale-Fieber!

 

Das ist meine liebste Woche im ganzen Winter, wenn ich gleich nach dem Aufstehen ins Kino stolpern kann. Erste Vorstellung 09:30h. Schräg. Aber irgendwie auch cool und auf jeden Fall aufregend. Oft weiß ich überhaupt nicht, was mich erwartet. In welches Land, welche Welt, welche Zeit mich der Film zieht. Ob ins Kolumbien der 80er Jahre. Ins schwarz-weiße Japan nach dem 2. Weltkrieg. Oder in die zeitlose Cinderella-Märchenwelt. Klar, ich könnte vorher das Programmheft durcharbeiten, aber wer hat dazu angesichts von über 400 Filmen schon die Muße? Ich habe in den letzten Jahren folgende bewährte Strategie entwickelt: ich konzentriere mich voll auf den Wettbewerb, versuche, Karten für so viele Filme wie möglich zu bekommen. So viele, wie eben reinpassen in den Zeitplan. Und diesmal sieht es sensationell gut aus: Ich habe Karten für 19 Filme ergattert! 19!!! Ein echter Kino-Marathon. Das der auch ein kleines Vermögen gekostet hat, kehren wir mal schnell unter den roten Teppich. Nein, bestochen hab ich dafür niemanden;) Die meisten Tickets habe ich tatsächlich im Internet gekauft, den Rest nach anderthalb Stunden an der Kasse vom Kino International. Also, alles da: Karten, wilde Entschlossenheit und sogar ein brandneuer Blog. Samstag geht es für mich los, mit Hedi, einer tunesisch-belgisch- französischen Koproduktion. Auf Arabisch. Wie es war, lest Ihr dann hier. Ich freue mich drauf!

 

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Mein Name ist Sandra und ich bin leseverrückt. Allerdings nicht verrückt verrückt, nur normal-verrückt;).

Bücher gehören für mich zum Leben dazu. Ich habe immer, wirklich immer eins auf dem Nachttisch, egal wie stressig die Welt drumherum ist. Ich kann schlicht nicht ohne;) Nicht ohne gute Geschichten!

Und daran möchte ich Euch teilhaben lassen. Euch anregen, Anregungen bekommen, Begeisterung teilen! Über Bücher, über Drehbücher, also Filme, und sonstige gute Geschichten.

Die Auswahl erfolgt dabei ganz subjektiv, je nachdem, was mich gerade umtreibt. In der Regel ist das zeitgenössische Literatur aus Europa, den USA, manchmal aus Indien.

Wenn ich nicht lese, arbeite ich als Journalistin, Moderatorin und Trainerin.

Mehr zu mir: www.sandra-berndt.de