Alltag auf Lampedusa oder die gähnende Langeweile

 

Ok, gleich vorweg: Ich bin kein Freund von Dokus. Selten haut mich da mal eine so richtig um. Aber diese hier läuft schließlich im Berlinale-Wettbewerb. In "Fire at Sea" bzw. auf italienisch "Fuocoammare" geht es um Lampedusa, die Flüchtlings-Insel. Mehr als 400.000 Menschen aus Nigeria, Eritrea, dem Sudan oder Syrien sind dort mittlerweile angelandet, 15.000 haben die Überfahrt nicht überlebt, lerne ich gleich im Vorspann. Keine Frage also, diese Doku verdient eine Chance, zumal sie außerdem von Gianfranco Rosi ist, der als erster Dokumentarfimer 2013 mit "Das andere Rom" einen Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat.

 

Es ist kalt und nieselig, trotzdem drängen sich hunderte Menschen am Sonntag Morgen vor dem Friedrichstadtpalast. Die Kirchen Berlins wären neidisch. It's quite cosy, nölt ein älterer Herr zu meiner Rechten. Ich denke, diese Beschwerden werden sich gleich relativieren und bereite mich schon mal vor auf berrührende, wahrscheinlich schwer erträgliche Szenen. Doch dann passiert erst mal: nichts. Ein kleiner italienischer Junge tut, was Jungs auf italienischen Insel wohl so tun: Eine Steinschleuder basteln, zielen üben, mit dem Arm als Waffe in die Luft ballern. Manchmal noch mit dem Seemanns-Vater zum Fischen rausfahren, anschließend ungeniert Tintenfisch-Spaghetti schlürfen. So weit, so langweilig. Denn der Film läßt sich wahrlich Zeit, für lange Einstellungen und eine nur langsames Annähren an den anderen Alltag auf Lampedusa: Die Hilferufe der Schiffbrüchigen irgendwo vor der Küste. Immer wieder rückt die italienische Marine aus, sucht mit Hubschrauebrn und Scheinwerfern das schwarze Meer ab. Dabei findet sie oft, aber längst nicht immer, die völlig überladene Boote. Auf ihnen erschöpfte, dehydrierte Menschen, die sich den knappen Platz längst mit anderen teilen, die es nicht geschafft haben. Da bekommt er so eine Wut im Bauch, das ist das Schlimmste, sagt der Inselarzt, wenn er die Leichen untersuchen muss. Nein, daran kann er sich nie gewöhnen. Es ist einer der stärksten Momente im Film, einer, in der ich den Katastrophen, die sich dort beinah jede Woche ereignen, nah komme. Das gelingt allerdings nicht oft in diesen 108 Minuten. Vielleicht ist es auch gar nicht gewollt. Im Zentrum dieses Films stehen nämlich nicht die Flüchtlinge, sondern steht die Insel. Wie gehen ihre Bewohner um mit dieser neuen Realität, gehen sie überhaupt damit um? Fragen, die man durchaus stellen kann. Für mich aber nicht die interessantesten.         

 

"Fuocoammare" bzw. Fire at Sea von Gianfranco Rosi - XXx

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Christoph (Montag, 15 Februar 2016 12:36)

    Die schreckliche Alltäglichkeit des Lebens in der Einöde vs. der alltäglichen Schrecken von Flucht, Lebensgefahr, Tod. Die beiden Themen finden in dem Film selten direkt zueinander. Gerade das macht ihn so erschütternd...

  • #2

    Sarah (Freitag, 19 Februar 2016 21:58)

    Ein sehr beeindruckender Film!

 

 

 

 

 

Mein Name ist Sandra und ich bin leseverrückt. Allerdings nicht verrückt verrückt, nur normal-verrückt;).

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