Ein wenig Widerstand - farblos, lieblos, leblos

 

Europa 1940: an der Westfront wird geschossen und getötet, in Berlin gefeiert: Hitler-Deutschland hat gerade Frankreich besiegt, die Stimmung auf den Straßen ist beinahe ausgelassen. Was mich daran allerdings sofort irritiert: die Freude ist englisch! Eine Fleischerei, ein Bäcker, aber verkauft werden "milk, eggs and butter". Really? Diese fünfte Verfilmung von Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" von 1946 ist zwar eine deutsch-französisch-britische Koproduktion. Gesprochen wird in "Alone in Berlin" allerdings ausschließlich englisch. Das mag man als Mitte-Bewohner ja durchaus gewöhnt sein. Im Berlin der 40er Jahre wirkt es allerdings extrem befremdlich. Zumal die Waffen, um die es hier geht, Worte sind. Worte auf Postkarten. Deutsche Worte, versteht sich.

 

Aber von vorne: Als Anna und Otto Quangel vom Tod ihres einzigen Sohnes an der Front erfahren, werden sie wütend. Wütend auf den Krieg und vor allem auf denjenigen, der ihn angezettelt hat. Und so wird aus dem Führer ein Lügner, und aus dem Mechaniker Otto Quangel ein Widerstandskämpfer. Er schreibt mit verstellter Schrift Postkarten: "Hitler hat meinen Sohn getötet und er wird auch Eure Söhne töten." Gemeinsam mit seiner Frau verteilt er diese Botschaften in Berliner Treppenhäusern. Eine Mini-Revolution, die bald auch die SS auf den Plan ruft. Denn Widerstand duldet dieses System nicht, mag er auch noch so winzig sein. Und er wird aufs Schärfste verfolgt, das wissen auch die Quangels. Daher fehlt diesem Film von Anfang an die Hoffnung. Sie streuen Sand ins Getriebe, so nennt es Otto. Obwohl es wohl eher nur einzelne Sandkörner sind. Aber was hat man noch zu verlieren, wenn das einzige Kind tot ist?  

 

Die Vorlage ist ohne Frage gut, ein Weltbestseller sogar seit der erstmaligen Übersetzung ins Englische vor sechs Jahren. Und auch die Schauspieler beherrschen ihr Metier: Emma Thompson als Anna, der stattliche Ire Brendan Gleeson als Otto und Gestapo-Kommissar Daniel Brühl. Sie sorgen zwar dafür, das mir nicht langweilig wird. Retten können sie den Film am Ende aber nicht. Es fehlt ihm schlicht an Spannung, an erzählerischen Kniffen, die mich mitfiebern lassen. Und der Versuch, dem Gestapo-Mann ein Gewissen zu verpassen, wirkt nur wie der hilflose Versuch des Drehbuchautoren, einen Schluss zustande zu bringen. Schade, ich hatte mir wirklich mehr versprochen.

 

"Alone in Berlin" von Vincent Perez - XXx

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Carolin (Dienstag, 16 Februar 2016 21:59)

    Liebe Sandra!
    Vielen Dank für Deinen tollen Blog über die Filme der Berlinale. Ich werde es dieses Jahr leider nicht dorthin schaffen, aber fühle mich durch Dich bestens informiert, welche Filme sehenswert sind. Früher oder später werden ja die meisten Filme glücklicherweise hier im Kino zu sehen sein.
    Ich wünsche Dir jedenfalls noch ein paar wunderbare Berlinale Tage mit spannenden Geschichten..... Viele liebe Grüße

  • #2

    Juliane (Mittwoch, 17 Februar 2016 15:13)

    Liebe Sandra, ich habe es zwar in diesem Jahr noch nicht in eine Berlinale-Vorstellung, aber heute zumindest endlich in Deinen Blog geschafft. Danke für die prägnante und zugleich unterhaltsame Einschätzung von "Alone in Berlin". Es ist immer gut, wenn man weiß, dass man sich die insgesamt begrenzte Lebenszeit für einen Film auch sparen kann oder warten, bis er im "Kino in der Kiste" läuft ;) Dein Text hat mir aber Lust auf die literarische Vorlage gemacht. Habe ich nämlich noch nicht gelesen. Danke fürs Augen-eckig-Gucken und ganz liebe Grüße in den Kinosessel!

 

 

 

 

 

Mein Name ist Sandra und ich bin leseverrückt. Allerdings nicht verrückt verrückt, nur normal-verrückt;).

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