Make love not war. Oder: No peace, no pussy!

 

Wisst Ihr eigentlich, wo die meisten US-Bürger sterben? Im Irak? In Afganistan? Nah dran, aber die richtige Antwort lautet: in Chicago. Oder "Chi-Raq", wie die drittgrößte Stadt des Landes in Hip-Hop-Kreisen genannt wird. 7.356 Menschen sind in der berüchtigten South Side, einem von drei Chicagoer Stadtteilen, zwischen 2001 und 2015 erschossen worden. Auch Jugendliche und Kinder. This is an emergency, stellt Regisseur Spike Lee in dicken roten Buchstaben gleich zu Beginn seines Films klar. Ohne Frage, dem stimme ich voll und ganz zu.

 

Worum es geht in diesem Wettbewerbsbeitrag, der übrigens außer Konkurrenz läuft, ist also von Anfang an klar. Die Gangs der Stadt liefern sich erbitterte Kämpfe, es wird gerappt, gevögelt, geschossen. Alles sieht genauso aus, wie man sich das als Mitteleuropäer vorstellt. Und wie man es schließlich in zahlreichen Musikvideos gelernt hat. Harte Jungs, very sexy Frauen, dirty talk. Als aber erneut ein kleines Mädchen Opfer der Fehde wird, wollen die Frauen nicht mehr länger mitmachen. Sie beschließen gemeinsam, sich ihren Männern von nun an zu verweigern. Schluss mit der Vidoclip-Erotik, und zwar so lange, bis die Waffen schweigen. Das ist zwar nun wirklich keine neue Idee. Auf die gleiche Weise haben sich schon 411 vor Christi die Frauen in der griechischen Komödie "Lysistrata" von Aristophanes zur Wehr gesetzt. Aber so hab ich das noch nie gesehen!

 

Da wird gerreimt was das Zeug hält, getanzt und natürlich gemahnt. Besonders eindringlich von einem der wenigen weißen Schauspieler im Film: John Cusack als engagierter, innbrünstiger Gemeindepfarrer, der sich in Extase predigt: Gegen US-Politiker am Tropf der Waffenlobby, gegen die zahlreichen Schüsse auf unbewaffnete Schwarze von Florida bis Ferguson, gegen die knauserige Bankenbranche, die Armen keinen Kredit geben will. Überhaupt sind alle mit viel Leidenschaft und Nachdruck bei der Sache: No peace, no pussy - immer und immer wieder schleudern die Frauen dieses Motto in Mikrophone und Männergesichter. Ich frage mich zwischendurch, wie das eigentlich auf deutsch funktionieren soll. Schließlich wird überwiegend im breiten Slang gereimt. Aber die Botschaft kommt an, so viel steht fest. Spike Lee sagt uns nicht nur in deutlichen Worten, was er meint. Er sagt es auch oft. Und um wirklich ganz sicher zu gehen, gibt es ja auch noch Samuel L. Jackson als Erzähler in der Geschichte. Das ist zwar alles andere als subtil, aber durchaus unterhaltsam. Yo man!

 

"Chi-Raq" von Spike Lee - XXXx

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Michael W.! (Donnerstag, 18 Februar 2016 10:34)

    Lese Deine Film-Kritiken gerne. Ein klein wenig Berlinale-Glamour resp. -Drama kommt so auch in der Voltastraße an! Danke, Sandra!

 

 

 

 

 

Mein Name ist Sandra und ich bin leseverrückt. Allerdings nicht verrückt verrückt, nur normal-verrückt;).

Bücher gehören für mich zum Leben dazu. Ich habe immer, wirklich immer eins auf dem Nachttisch, egal wie stressig die Welt drumherum ist. Ich kann schlicht nicht ohne;) Nicht ohne gute Geschichten!

Und daran möchte ich Euch teilhaben lassen. Euch anregen, Anregungen bekommen, Begeisterung teilen! Über Bücher, über Drehbücher, also Filme, und sonstige gute Geschichten.

Die Auswahl erfolgt dabei ganz subjektiv, je nachdem, was mich gerade umtreibt. In der Regel ist das zeitgenössische Literatur aus Europa, den USA, manchmal aus Indien.

Wenn ich nicht lese, arbeite ich als Journalistin, Moderatorin und Trainerin.

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