Der Schriftsteller, das unangenehme Wesen

Oh, wie ich mit ihm mitfühle! New York in den 20er Jahren: Da steht er mitten im strömenden Regen, stampft immer wieder mit dem Fuß auf und starrt wie gebannt auf ein Bürogebäude: Thomas Wolfe, ein angehender Schriftsteller. Ob er tatsächlich einer wird, das liegt in der Hand eines Mannes im fünften Stock dieses Hauses. Es ist der Verleger Max Perkins vom Verlag Scribner’s Sons. Jemand, der schon Größen wie Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald unter Vertrag hat. Und der nun Wolfes 1000 Seiten Manuskript liest. Ein Moment voller Anspannung, voller Hoffnung und Angst. Und ein Moment, der einen großen Film verspricht.

 

Und dann lernen wir sie kennen, diese beiden Männer in "Genius". Max Perkins, gespielt von Oskar-Preisträger Colin Firth, ist ein Familienvater. Jeden Abend nimmt er den Zug zu seiner Frau und seinen fünf Töchtern in ein stattliches Haus vor der Stadtgrenze New Yorks. Ein Mann mit Hut, still, vernünftig, aber durchaus entflammbar. Und das ist es, was Wolfes Manuskript mit ihm macht: Es packt ihn, ja, begeistert ihn regelrecht und so bekommt der Autor seinen Vertrag. Die Zusammenarbeit zwischen diesen ungleichen Männern beginnt. Schließlich muss das Manuskript in eine geordnete, kürzere Form gebracht werden.

 

Schon beim ersten Treffen der beiden wird klar: Thomas Wolfe, dargestellt von Jude Law, ist nicht wie alle anderen. Ein lauter, manchmal äußerst unangenehmer, aber immer leidenschaftlicher Mann. Ein Genie, finden Perkins und bald auch die Leser des ersten Wolfe-Romans "Look Homeward, Angel!". Doch dieser Erfolg macht den Autor nur noch ein bißchen unausstehlicher. Perkins selbst scheint das egal zu sein, die beiden freunden sich immer enger an. Wolfe wird ein regelmäßiger Gast in Perkins Haus. Wie besessen stürzen sich die beiden Männer in die Arbeit an Wolfes zweitem Manuskript. Ein Unterfangen, das kaum noch Zeit für anderes läßt. Schließlich hat Wolfe diesmal 6.000 Seiten abgeliefert. Wolfes Freundin (Nicole Kidman) versucht immer verzweifelter, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und kämpft dabei auf immer verlorenerem Posten. Ein Schicksal, das sie auch dem sanften Perkins prophezeit...

 

"Große Erwartungen" heißt ein Jahrhundertwerk der US-Literatur von Charles Dickens. Ob Wolfes Romane da mithalten können, kann ich nicht beurteilen, da ich sie noch nicht gelesen habe. Die großen Erwartungen, die dieser Film bei mir geweckt hat, werden aber ganz ohne Frage leider nicht erfüllt. Denn trotz aller Beteuerungen der Figuren bleibt mir schleierhaft, worin die Faszination dieses eigenwilligen Schriftstellers besteht. Warum ihm seine Freundin und Perkins so verfallen. Ja, er ist ziemlich verrückt und wild aufs Leben. Aber fühlen, wirklich erleben, warum ich verrückt nach ihm sein sollte, das kann ich nicht. Für mich bleibt er ziemlich unsymphatisch, undankbar und egoistisch. Und so bleibt auch dieser hochkarätig besetzte Hollywoodstreifen, der auf einer wahren Geschichte beruht, unter seinen Möglichkeiten. Schade.  


"Genius" von Michael Grandage - XXX

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