Er kam, sah und staunte - Michael Moore in "Where to invade next"

Oder: wie man einen Film über Amerika macht, ohne eine einzige Szene IN Amerika zu drehen. Solche Aufgaben passen zu ihm, dem freundlichen, massigen Mann mit den zwei großen Gaben: Humor und die Fähigkeit, zuzuhören. Gleichzeitig ist Michael Moore der wohl kritischste Dokumentarfilmer der USA. Einer, der den Finger in die Wunde legt. Einer mit Mission. Und jemand, der schwarz-weiß deutlich lieber mag als Grautöne.

Kriege haben die USA genug geführt, befindet Michael Moore zu Beginn seines Films. Und hat damit schon mal den gesamten Berlinale-Kinosaal hinter sich. Dennoch ist er überzeugt, dass es in anderen Ländern noch viel zu holen gibt für sein Land. Also geht er es holen. Diesmal allerdings ohne Waffengewalt, die nächste Invasion soll friedlich sein. Und sie startet in Europa. Im schönen Italien beginnt Moore seine Suche nach dem besseren Leben, nach den Ideen und Errungenschaften, die die Gesellschaft besser machen. Dabei bleibt ihm schnell der Mund offen stehen: Sechs bis acht Wochen bezahlter Urlaub im Jahr? Das muss das italienische Paar mehrfach wiederholen, bis Moore es glauben kann. Als dann noch eine Unternehmerfamilie fröhlich verkündet: was solle sie mit noch mehr Geld, motivierte Mitarbeiter seien ihr viel wichtiger, ist Moor vollends sprachlos.

 

Und das Staunen geht weiter, wird zum Leitmotiv dieser 119 Minuten. In Frankreich probiert Moore das schmackhafte und gleichzeitig gesund Schulessen. In Norwegen bewundert er den humanen Strafvollzug - selbst die Gefangenen im Hochsicherheitstrakt haben dort einen eigenen Schlüssel für ihre Zellentür. Und in Finnland schüttelt er den Kopf über die einhellige Beteuerung der Lehrer, in erster Linie das Glück ihrer Schüler fördern zu wollen. Keine Hausaufgaben? Keine Studiengebühren in Slowenien? Intensive Vergangenheitsbewältigung in Deutschland? Schnell erscheint Europa durch Moores Brille als das gelobte Land. Probleme werden höchstens gestreift, aber darum geht es ihm auch nicht. Er will lernen und verstehen. Und er will, dass sein Publikum ebenfalls lernt und versteht. Zu viel Differenzierung würde da wohl nur ablenken.

 

Schließlich geht es darum, die großen Ideen mitzunehmen in die USA, in ein Land, das bei den immer wieder eingeblendeten Statistiken und Vergleichszahlen ziemlich schlecht abschneidet. Denn Moore ist trotz seiner Begeisterung für Europa nie gefährdet, zum Überläufer zu werden. Im Gegenteil: Er liebt sein Land. Genau deshalb hat er diesen Film gemacht. Einen unterhaltsamen, lehrreichen und aufrüttelnden Film. Witzig, und gleichzeitig bitter ernst. Ab heute im Kino.


"Where to invade next" von Michael Moore - XXXXx (viereinhalb von fünf Sternen)

 

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Mein Name ist Sandra und ich bin leseverrückt. Allerdings nicht verrückt verrückt, nur normal-verrückt;).

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