Fesselnd, einzigartig und todtraurig - "A little Life" von Hanya Yanagihara

Buchcover "A little Life" von Hanya Yanagihara

Wow. Schon während des Lesens weiß ich: Diese Geschichte ist anders. Diese Geschichte wird in meinem Kopf bleiben. Ihre Menschen, deren Schicksal, ihre Freundschaft. Malcom, J.B., Willem und Jude - vor allem Jude - sind jetzt auch meine Freunde. Welche, deren Abwesenheit man wirklich betrauert. Aber der Reihe nach.

 

Irgendwo habe ich vor einem Jahr über "A Little Life" gelesen, in der New York Times, glaube ich. Darüber, dass es der Roman auf die Shortlist für den Man Booker Prize 2015 geschafft hat, immerhin der wichtigste britische Literaturpreis. Hanya Yanagihara, selbst Journalistin der NY Times, erzählt die Geschichte von vier Freunde in New York, begleitet sie mehrere Jahrzehnte. Cool, denke ich, klingt wie "Die Interessanten" von Meg Wolitzer, ein Buch, das ich sehr geliebt habe. Also lade ich mir die Leseprobe auf meinen Kindl. Normalerweise hätte ich es natürlich sofort in meinem Lieblingsbuchladen bestellt, aber es war erstmal nur auf englisch zu bekommen. Da wollte ich vorher sehen, wie es geschrieben ist, wieviel ich verstehe, ob ich doch auf die Übersetzung warte. Mein englisches Lesetempo ist nämlich nicht das schnellste. Doch ich brauche nur zwei Seiten und weiß: ich kann nicht warten, "A little Life" muss jetzt sein!

 
Sie kennen sich aus dem College. Malcom, J.B., Willem und Jude haben ein Zimmer geteilt und sind dabei dicke Freunde geworden. Alle vier landen nach ihrem Studium in New York und versuchen, ihren Weg zu machen. Malcom, mit reichen, anspruchsvollen Upper Eastside-Eltern als Architekt in einem namenhaften, aber unpersönlichen Büro. Der selbstbewusste, laute JB aus Brooklyn versucht sich als Künstler. Täglich fährt er nach seinem Job am Empfang eines Kunstmagazins in sein Atelier und malt. Er weiß, dass er jemand ganz besonderes ist, daran haben die vielen Frauen seiner Familie nie einen Zweifel gelassen. Willem hingegen ist weniger entschlossen, weniger ambitioniert. Zwar sieht er kopfverdrehend gut aus, doch bisher hat ihn sein Ziel, Schauspieler zu werden, vor allem auf die Bretter teurer Restaurants geführt, in denen er Abend für Abend kellnert. Auch sein Freund Jude verdient als angehender Jurist bei der Staatsanwaltschaft nur wenig. Und da beide keine Eltern haben, die sie unterstützen, ziehen sie gemeinsam in eine winzige, ziemlich abstoßende Wohnung in Chinatown. So weit, so normal. Vier junge Männer auf dem Weg ins Leben.

Doch während aus wechselnden Perspektiven erzählt wird, mal aus J.B.s, mal aus Malcoms, Willems oder Judes Sicht, wird immer klarer: irgendetwas ist doch nicht ganz normal, irgendwas ist so gar nicht, wie es sein sollte. Und das betrifft Jude. Den klugen, stillen Freund. Den guten Zuhörer, der selbst so wenig von sich Preis gibt. Nur, dass er ohne Eltern aufgewachsen ist und mit 16 einen schlimmen Unfall hatte. An den Folge leidet er bis heute, er zieht ein Bein nach und wird regelmäßig von heftigen Schmerzattacken heimgesucht.

 

Je mehr Monaten, Jahre ins Land gehen, desto entschiedener ist das Buch: Die Hauptperson ist Jude, für uns, für seine Freunde und vor allem für Willem. Willem ist derjenige, der ihm von Anfang an am nächsten ist. Der mehrmals täglich mit Jude spricht, selbst wenn er nicht in der Stadt ist. Der seine Gedanken und Gefühle mit ihm teilt. Und der akzeptiert, das Jude das nicht tut, das er selbst nach Jahrzehnten noch verschlossen und verstockt bleibt, wenn es um ihn und seine Vergangenheit geht.

 

Ich als Leser lerne Jude hingegen besser kennen, Yanagihara trägt seinen Schutzpanzer Schicht für Schicht ab. Warum die Sache mit dem Vertrauen für Jude so schwierig ist, wovor er Angst hat, was ihn Nacht für Nacht verfolg und zuverlässig aus dem Schlaf reißt. Und je mehr ich darüber lerne, über Judes unvorstellbare, unmenschliche Kindheit, desto mehr krampft sich mein Magen zusammen. Manchmal muss ich innehalten, tief durchatmen, bevor ich weiter lesen kann. Weil ich irgendwann weiß: Der Abgrund, dem ich mich da nähere, wird erschütternder sein als alles, was man sich je für einen kleinen Jungen ausmalen würde.

 

Das ist die eine, die dunkle Seite der Geschichte. Doch es gibt auch einen hellen, manchmal strahlenden Teil. Und der besteht - wie immer und überall im Leben - aus Anerkennung, Freundschaft und Liebe. So schön, so leicht und gleichzeitig so anrührend erzählt. Lange Märsche durch Manhattan am Sonntag Vormittag. Sommer-Nachmittage mit Harold und Willem am Strand. Die Jungs zusammen auf einer Party in Williamsburg. Nächte im Büroturm in Midtown. Zufluchtsorte und -momente, an denen man fast an ein ganz normales Leben glauben kann. Aber eben nur fast.

 

"A little Life", oder, ab Montag, den 30. Januar 2017 auch auf deutsch "Ein wenig Leben", ist ein Buch, wie ich es noch nicht gelesen habe. Yanagihara geht da hin, wo die meisten von uns noch nicht waren: An die Schmerzgrenze und darüber hinaus, in die Tiefe einer verletzten Seele. Sie beantwortet die Frage, was Liebe schaffen kann. Und was nicht. Dieses Buch ist erschütternd, es ist todtraurig. Aber ich habe es uneingeschränkt geliebt. 


"A little Life" von Hanya Yanagihara - XXXXX (fünf von fünf Sternen)

 

"Ein wenig Leben" erscheint am 30.01.2017 im Hansa Verlag, übersetzt von Stephan Kleiner, 960 Seiten, 28€ 

Mehr zu Hanya Yanagihara hier: https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/hanya-yanagihara/

 

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Mein Name ist Sandra und ich bin leseverrückt. Allerdings nicht verrückt verrückt, nur normal-verrückt;).

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