Das gute Drehbuch.

Nicht zufällig habe ich diesen Blog Anfang Februar gestartet. Denn wann sonst gibt es so viele gute Geschichten auf einen Haufen, so viele Filme aus allen Ecken der Welt? Über 400 Filme in 10 Tagen, und das beste: die meisten sind für jeden zugänglich! Das ist die Berlinale! Ein perfekter Einstand. Herzlich Willkommen!

Fesselnd, einzigartig und todtraurig - "A little Life" von Hanya Yanagihara

Buchcover "A little Life" von Hanya Yanagihara
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Er kam, sah und staunte - Michael Moore in "Where to invade next"

Oder: wie man einen Film über Amerika macht, ohne eine einzige Szene IN Amerika zu drehen. Solche Aufgaben passen zu ihm, dem freundlichen, massigen Mann mit den zwei großen Gaben: Humor und die Fähigkeit, zuzuhören. Gleichzeitig ist Michael Moore der wohl kritischste Dokumentarfilmer der USA. Einer, der den Finger in die Wunde legt. Einer mit Mission. Und jemand, der schwarz-weiß deutlich lieber mag als Grautöne.

Kriege haben die USA genug geführt, befindet Michael Moore zu Beginn seines Films. Und hat damit schon mal den gesamten Berlinale-Kinosaal hinter sich. Dennoch ist er überzeugt, dass es in anderen Ländern noch viel zu holen gibt für sein Land. Also geht er es holen. Diesmal allerdings ohne Waffengewalt, die nächste Invasion soll friedlich sein. Und sie startet in Europa. Im schönen Italien beginnt Moore seine Suche nach dem besseren Leben, nach den Ideen und Errungenschaften, die die Gesellschaft besser machen. Dabei bleibt ihm schnell der Mund offen stehen: Sechs bis acht Wochen bezahlter Urlaub im Jahr? Das muss das italienische Paar mehrfach wiederholen, bis Moore es glauben kann. Als dann noch eine Unternehmerfamilie fröhlich verkündet: was solle sie mit noch mehr Geld, motivierte Mitarbeiter seien ihr viel wichtiger, ist Moor vollends sprachlos.

 

Und das Staunen geht weiter, wird zum Leitmotiv dieser 119 Minuten. In Frankreich probiert Moore das schmackhafte und gleichzeitig gesund Schulessen. In Norwegen bewundert er den humanen Strafvollzug - selbst die Gefangenen im Hochsicherheitstrakt haben dort einen eigenen Schlüssel für ihre Zellentür. Und in Finnland schüttelt er den Kopf über die einhellige Beteuerung der Lehrer, in erster Linie das Glück ihrer Schüler fördern zu wollen. Keine Hausaufgaben? Keine Studiengebühren in Slowenien? Intensive Vergangenheitsbewältigung in Deutschland? Schnell erscheint Europa durch Moores Brille als das gelobte Land. Probleme werden höchstens gestreift, aber darum geht es ihm auch nicht. Er will lernen und verstehen. Und er will, dass sein Publikum ebenfalls lernt und versteht. Zu viel Differenzierung würde da wohl nur ablenken.

 

Schließlich geht es darum, die großen Ideen mitzunehmen in die USA, in ein Land, das bei den immer wieder eingeblendeten Statistiken und Vergleichszahlen ziemlich schlecht abschneidet. Denn Moore ist trotz seiner Begeisterung für Europa nie gefährdet, zum Überläufer zu werden. Im Gegenteil: Er liebt sein Land. Genau deshalb hat er diesen Film gemacht. Einen unterhaltsamen, lehrreichen und aufrüttelnden Film. Witzig, und gleichzeitig bitter ernst. Ab heute im Kino.


"Where to invade next" von Michael Moore - XXXXx (viereinhalb von fünf Sternen)

 

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Der Schriftsteller, das unangenehme Wesen

Oh, wie ich mit ihm mitfühle! New York in den 20er Jahren: Da steht er mitten im strömenden Regen, stampft immer wieder mit dem Fuß auf und starrt wie gebannt auf ein Bürogebäude: Thomas Wolfe, ein angehender Schriftsteller. Ob er tatsächlich einer wird, das liegt in der Hand eines Mannes im fünften Stock dieses Hauses. Es ist der Verleger Max Perkins vom Verlag Scribner’s Sons. Jemand, der schon Größen wie Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald unter Vertrag hat. Und der nun Wolfes 1000 Seiten Manuskript liest. Ein Moment voller Anspannung, voller Hoffnung und Angst. Und ein Moment, der einen großen Film verspricht.

 

Und dann lernen wir sie kennen, diese beiden Männer in "Genius". Max Perkins, gespielt von Oskar-Preisträger Colin Firth, ist ein Familienvater. Jeden Abend nimmt er den Zug zu seiner Frau und seinen fünf Töchtern in ein stattliches Haus vor der Stadtgrenze New Yorks. Ein Mann mit Hut, still, vernünftig, aber durchaus entflammbar. Und das ist es, was Wolfes Manuskript mit ihm macht: Es packt ihn, ja, begeistert ihn regelrecht und so bekommt der Autor seinen Vertrag. Die Zusammenarbeit zwischen diesen ungleichen Männern beginnt. Schließlich muss das Manuskript in eine geordnete, kürzere Form gebracht werden.

 

Schon beim ersten Treffen der beiden wird klar: Thomas Wolfe, dargestellt von Jude Law, ist nicht wie alle anderen. Ein lauter, manchmal äußerst unangenehmer, aber immer leidenschaftlicher Mann. Ein Genie, finden Perkins und bald auch die Leser des ersten Wolfe-Romans "Look Homeward, Angel!". Doch dieser Erfolg macht den Autor nur noch ein bißchen unausstehlicher. Perkins selbst scheint das egal zu sein, die beiden freunden sich immer enger an. Wolfe wird ein regelmäßiger Gast in Perkins Haus. Wie besessen stürzen sich die beiden Männer in die Arbeit an Wolfes zweitem Manuskript. Ein Unterfangen, das kaum noch Zeit für anderes läßt. Schließlich hat Wolfe diesmal 6.000 Seiten abgeliefert. Wolfes Freundin (Nicole Kidman) versucht immer verzweifelter, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und kämpft dabei auf immer verlorenerem Posten. Ein Schicksal, das sie auch dem sanften Perkins prophezeit...

 

"Große Erwartungen" heißt ein Jahrhundertwerk der US-Literatur von Charles Dickens. Ob Wolfes Romane da mithalten können, kann ich nicht beurteilen, da ich sie noch nicht gelesen habe. Die großen Erwartungen, die dieser Film bei mir geweckt hat, werden aber ganz ohne Frage leider nicht erfüllt. Denn trotz aller Beteuerungen der Figuren bleibt mir schleierhaft, worin die Faszination dieses eigenwilligen Schriftstellers besteht. Warum ihm seine Freundin und Perkins so verfallen. Ja, er ist ziemlich verrückt und wild aufs Leben. Aber fühlen, wirklich erleben, warum ich verrückt nach ihm sein sollte, das kann ich nicht. Für mich bleibt er ziemlich unsymphatisch, undankbar und egoistisch. Und so bleibt auch dieser hochkarätig besetzte Hollywoodstreifen, der auf einer wahren Geschichte beruht, unter seinen Möglichkeiten. Schade.  


"Genius" von Michael Grandage - XXX

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Tristess auf polnisch

Manchmal passt alles gut zusammen. Es ist Samstag Morgen, neun Uhr, der Himmel bedrückend grau, wir nach einer Woche Berlinale schon ziemlich müde. Als der Vorhang dann aufgeht, sieht es auf der Leinwand kaum anders aus: Eine Kleinstadt irgendwo in Polen kurz nach der Wende. Jeans sind nach wie vor eine Sensation, dafür tanzt eine Gruppe Frauen in der Turnhalle zu US-Pop Aerobic-Schritte nach. Dass das alles wenig freudvoll wirkt, liegt auch an den Farben. Die Bilder sind entsättigt und wirken dadurch eigentümlich kühl. Das ist die Kulisse für die vier Frauen, um die es geht in "United States of Love".

 

Da ist Agata, verheiratet, eine Tochter, deren Herz aber ganz offensichtlich für einen Priester schlägt. Sie beobachtet ihn heimlich, begehrt verzweifelt und betet mit Inbrunst. Und dann Iza, die Schuldirektorin. Immer tadellos gekleidet, durchaus mit einer gewissen Strenge. Die verliert sie allerdings, sobald sie mit ihrem Geliebten zusammen ist, einem frisch verwitweten Arzt. An derselben Schule unterrichtet Renata, die etwas in die Jahre gekommene Russischlehrerin, die sich nach der Nähe ihrer jungen Nachbarin sehnt. So sehr, dass sie sogar einen Sturz auf der Treppe initiiert. Die begehrte Nachbarin wiederum ist Marzena. Sie ist die Tanzlehrerin und außerdem die Schwester von Iza und sie träumt von einer internationalen Modellkarriere. Dieser Episodenfilm von Tomasz Wasilewski zeigt starke Frauen, die mit ihren Sehnsüchten, ihren Hoffnungen aber auch mit der Leere leben müssen. Innere Umbrüche in einer bewegten Zeit. Schließlich beginnt auch das Land Anfang der 90er gerade erst, nach seiner neuen Identität zu suchen. 

 

"Das wichtigste in Eurem Leben wird die Liebe sein". So bringt es der Priester schon den Kleinen im Religionsunterricht bei. Was aber passiert, wenn die Liebe enttäuscht wird oder gleich ganz unerfüllt bleibt, das zeigt "United States of Love". Verreint sind die Frauen nicht in der Liebe, aber in ihrer Sehnsucht danach. Und in ihrem Spiel. Alle vier leisten Großartiges, wenn sie vor der Welt zu verbergen suchen, was sie innerlich fast zerreißt. Das mit anzusehen ist trist, traurig und doch unheimlich gut.


"United States of Love" von Tomasz Wasilewski - XXXX

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Eine neue Art von Krieg

Hab ich gerade noch gesagt, ich hab's nicht so mit Dokumentationen? Ok, das nehme ich zurück. Denn heute habe ich gleich zwei davon gesehen, die mich umgehauen haben. Aber der Reihe nach: In diesem Artikel geht es erstmal um "Zero Days" von Alex Gibney. Ein Film, der mich - anders als "Fuocoammare" - keine Sekunde langweilt. Im Gegenteil. Alles was ich sehe und höre, möchte ich am liebsten mitschreiben, so neu, so aufrüttelnd, so schockierend ist diese Doku! Mein klarer Favorit für den Goldenen Bären.

 

Es geht um Stuxnet. Klar, schon mal gehört. Das war doch dieser böser Virus, der sich 2010 über Computer in der ganzen Welt ausgebreitet hatte. Aber was genau da hinter steckte, geschweige denn wer und warum - keine Ahnung. Und das hat seinen Grund. Stuxnet unterliegt nämlich höchster Geheimhaltung, vor allem unter Verantwortlichen von US-Behörden. NSA, CIA, Cyber Command - niemand will, niemand darf ganz offensichtlich über Stuxnet reden. Und so beginnt "Zero Days" mit der Frustration des Regisseurs über diese Schweigemauer. Alex Gibney sucht anderswo nach Antworten. Zum Beispiel bei den Virenexperten von Kaspersky in Moskau. Und wir lernen: Sowas hat bis dato noch keiner von ihnen gesehen. So komplex, so fehlerfrei, so böse. Stuxnet verbreitet sich selbst, die befallenen Systeme sind null Tage - Zero Days - vor dem Wurm geschützt. Aber wer steckt dahinter? Cyberkriminelle und Hacker können es nicht gewesen sein, erfahren wir - zu umfangreich und teuer ist diese Malware wie es im Fachjargon heißt. Kommt also also nur die dritte Angreifer-Gruppe in Frage: Ein oder mehrere Staaten. Wow. Ein hoch gefährlicher Virus, losgeschickt von einer Regierung?

 

Die Spurensuche geht weiter. Und wer mehr über den Täter erfahren will, muss sich das Opfer angucken. Und das ist bald ausgemacht: Das Angriffsziel liegt mitten im Iran, es ist die umstrittene Atomanlage Natans. Hier soll Stuxnet möglichst viele Zentrifugen zerstören, die zur Uran-Anreicherung genutzt werden. Wer könte also ein Interesse haben, dort Zugang zu haben? Was klingt wie eine Verschwörungstheorie ist leider keine Theorie, das wird im Laufe dieser Doku immer klarer. Das ist Kino at it's best! Ich bin dabei, wenn Alex Gibney erklärt, erforscht, nachbohrt. Das ist unglaublich spannend, macht mir aber auch Angst. Denn da draußen tobt ein Krieg, über den nicht mal gesprochen werden darf.

"Zero Days" von Alex Gibney - XXXXX

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Mein Name ist Sandra und ich bin leseverrückt. Allerdings nicht verrückt verrückt, nur normal-verrückt;).

Bücher gehören für mich zum Leben dazu. Ich habe immer, wirklich immer eins auf dem Nachttisch, egal wie stressig die Welt drumherum ist. Ich kann schlicht nicht ohne;) Nicht ohne gute Geschichten!

Und daran möchte ich Euch teilhaben lassen. Euch anregen, Anregungen bekommen, Begeisterung teilen! Über Bücher, über Drehbücher, also Filme, und sonstige gute Geschichten.

Die Auswahl erfolgt dabei ganz subjektiv, je nachdem, was mich gerade umtreibt. In der Regel ist das zeitgenössische Literatur aus Europa, den USA, manchmal aus Indien.

Wenn ich nicht lese, arbeite ich als Journalistin, Moderatorin und Trainerin.

Mehr zu mir: www.sandra-berndt.de